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Kurzanalyse Quartiersmanagement Bonn-Vilich

Sozialraum-/Quartiersmanagement – Gestaltung inklusiver Sozialräume und Stadtviertel

Achtung: Hier handelt es sich um eine Kurzanalyse.

Dies bedeutet, dass eine ausführliche Analyse anhand eines Bespiels schon vorhanden ist. Wenn Sie sich für diese interessieren, schauen Sie bitte hier:

Kurzbeschreibung

Am Bahnhof Adelheidistraße 2

Die – seit 1987 bestehende – Komplexeinrichtung der Heilpädagogischen Hilfen des Landschaftsverbands Rheinland (LVR-HPH-Ost) in Bonn-Vilich („Ledenhof“) bietet auf einem ca. 3,1 Hektar großen Gelände ein stationäres Wohnangebot (vier Wohnhäuser) hauptsächlich für Menschen mit schwerer und mehrfacher geistiger Behinderung mit zurzeit etwa 75 Plätzen.  Außerdem befindet sich dort ein Heilpädagogisches Zentrum, das etwa 40 Personen, für die das Angebot der Werkstätten für Menschen mit Behinderung nicht passend ist, ein tagesstrukturierendes Angebot bietet. Die Komplexeinrichtung liegt durch ihren dörflichen Charakter im Stadtteil Bonn-Vilich in einer relativ isolierten Lage.

Ziel des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) ist es, die Komplexeinrichtung aufzulösen und für Menschen mit geistiger Behinderung neue Wohnbedingungen zu schaffen. Daher wurde ein Investor (NCC Deutschland GmbH) gesucht, der dieses Areal neu bebaut – und zwar als inklusives Quartier, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben können.

Im neuen Quartier Vilich wird ein Wohnungsmix aus Eigentumswohnungen, Doppelhaushälften, Reihenhäusern, förderfähigen Mietwohnungen und Mehrgenerationenhäusern für Menschen mit und ohne Behinderung entstehen (insgesamt 121 Wohneinheiten).

Auf dem Territorium der jetzigen Komplexeinrichtung werden in Zukunft 50 Personen mit Behinderung (und insgesamt bis zu 350 Menschen) leben – nicht mehr unter den Bedingungen der traditionellen stationären Wohngruppeneinheiten mit acht bis neun Plätzen, sondern in weitgehend individuellen, kleinteiligen Wohneinheiten im Quartier. Unterstützt wird dies gleichzeitig durch die Entstehung eines nachhaltig inklusiven Sozialraums im Gesamtquartier, d.h. im Stadtteil Bonn-Vilich, in dem Menschen mit und ohne Behinderung selbstbestimmt und gemeinschaftlich in nachbarschaftlicher Nähe zusammenleben und sich als Bürger/innen ihres Stadtteils verstehen. Dies bedeutet vor allem einen Perspektivwechsel: Sich lösen von der Orientierung auf Einrichtungen hin zu einer Orientierung auf den Sozialraum.

Durch gemeinsame Aktionen und Veranstaltungen und einen zentralen Ort der Begegnung mitten im Quartier (angrenzend an das Heilpädagogische Zentrum und ein Café des LVR) soll ein selbstverständliches Miteinander entstehen.

Alle Entwicklungen werden durch einen Quartiersmanager begleitet, dessen konkrete Aufgaben es u.a. sind: Maßnahmen zum Bewusstseinswandel zu implementieren, Angebote zu koordinieren, verschiedene Akteure zu vernetzen und zu beraten.

Im Rahmen der Planungen wurde viel Wert auf Bürgerbeteiligung gelegt. Alle Bürger/innen konnten sich auf mehreren öffentlichen Informationsveranstaltungen der Stadt Bonn, der NCC und des LVR über die Pläne informieren. Viele Anregungen der Bürger/innen wurden in den Planungen aufgegriffen (z.B. Ausweitung der Parkplätze, Vergrößerung der Abstände zu den Nachbarhäusern und der Straße). Alle Bürger/innen können die Pläne einsehen. Die Stadt rechnet mit Baurecht Mitte 2016, der Neubau soll Ende 2016 beginnen (der Investor ist bezüglich des Bebauungsplanes derzeit noch in Verhandlungen mit der Stadt Bonn und es liegen noch nicht alle Genehmigungen vor), man geht von einer Gesamtbauzeit von bis zu vier Jahren aus. Der Umbau erfolgt in zwei Bauabschnitten. Es wird zunächst der nordöstliche Teil des Geländes abgerissen und bebaut. Während dieser Zeit bleiben die Bewohner/innen dort wohnen, wo sie jetzt auch wohnen. Wenn der nordöstliche Teil gebaut ist, können sie in ihre neuen Wohnungen umziehen.

Auch die Nutzer/innen der Heilpädagogischen Hilfen und deren Angehörige und gesetzliche Betreuer/innen wurden entsprechend in die Kommunikation bzw. in den Prozess des Umbaus eingebunden. Gleiches gilt für die Mitarbeitenden, für Multiplikatoren im LVR, für weitere Verbände und Träger der Behindertenhilfe, lokale Prominenz (Firmen und Personen), Medien, Politik und Verwaltung. Eigens zu diesem Zweck wurde ein Kommunikationskonzept entwickelt.

Zurzeit ist der Aufbau einer barrierefreien Internetseite zum Projekt „Mitten im Leden“ in Vorbereitung. Dort soll es die Möglichkeit geben, seine Wünsche und Ideen zur Quartiersentwicklung mit wenigen Klicks zu hinterlegen. Weiterhin entsteht eine „Mitmachbox“, die am Eingang des Quartiers stehen soll und an der jede/r die auf Papier gebrachten Ideen einwerfen kann. In Planung ist außerdem ein Nachbarschaftssymposium im Frühjahr 2016.

Das Projekt knüpft unmittelbar an die Inhalte des Artikels 19 (unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft) an, in dem die Vertragsstaaten u.a. dazu aufgerufen werden, zu gewährleisten „dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“ und sie „Zugang […] [zu] gemeindenahen Unterstützungsdiensten haben“.

Einschätzung der Projektverantwortlichen

Quartiersmanager Michael Heine betont, dass die Entstehung eines inklusiven Quartiers die Chance birgt, Dinge im Arbeitsalltag der Mitarbeiter/innen und im Lebensumfeld der Menschen mit geistiger Behinderung positiv zu verändern. Zu den geplanten Umzügen werde genau hinterfragt, wer mit wem zusammenpasst. Für jede Person wurde ein Bewohnerprofil angelegt und grundsätzliche Wohnkonstellationen entwickelt. Nach Einschätzung des Quartiersmanagers ergibt sich für Menschen mit Behinderungen ein besonders großer Mehrwert, weil sie in einem inklusiven Wohnquartier leben dürfen. Für sie werde sich sehr viel ändern, weil sie nicht mehr in großen Wohngruppen, sondern allein oder zu viert in Apartments wohnen werden. In drei Neubauten werden jeweils zehn Bewohner/innen untergebracht. Außerdem werden fünf Vierer-Apartments im Erdgeschoss von fünf Häusern eingerichtet. Michael Heine betont, es sei ihre Aufgabe, die Bewohner/innen der ehemaligen Komplexeinrichtung durch Gespräche und Schulungen dazu zu befähigen, dass sie allein oder mit mehreren in einer Wohnung im Quartier gut leben können. Geplant ist hierzu ferner eine Art Wohnungsführerschein.

 

Die Komplexität dieses Projektes liege nach Einschätzung des Quartiersmanagers in der Zweigleisigkeit begründet: einerseits geht es hier um die Weiterentwicklung der Organisation/Einrichtung (von institutionellem zu personenzentriertem/sozialraumorientierten Denken usw.), andererseits um die Gemeinwesenarbeit und Stadtteilentwicklung.

Wichtig seien hierbei die Schritte der Vernetzung, Information, Beteiligung und schließlich das Schaffen von Begegnung.

Die Netzwerkarbeit wird hierbei als essentieller Bestandteil angesehen, da die lokalen Akteure für die Stadtteilentwicklung von enormer Bedeutung sind. Ebenso wichtig seien Information und Beteiligung für alle am Prozess der Konversion Involvierten. Nur wenn die Menschen über das Projekt Bescheid wissen und mitwirken können, entstehe eine Identifikation, die wieder die Erfolgschancen erhöht.

Werden die ersten drei Schritte erfolgreich bearbeitet, entstehe die Grundlage für den letzten, dem Projektziel (Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung) zugeordneten Schritt: Dem Schaffen von Begegnung der Quartierbewohnerinnen und -bewohner.

 

Im ersten Halbjahr, in dem das Quartiersmanagement in Bonn etabliert wurde, konnte ein umfassendes Netzwerk aus Kirchengemeinden, Bürgervereinen, anderen Trägern und Einrichtungen, aber auch Einzelhändlern und Vereinen geschaffen werden.

Die Beteiligung der Kunden, aber auch der Mitarbeitenden der Einrichtung gelingt über vielfältige Workshops.

Die Öffentlichkeitsarbeit war bis Ende Dezember mit insgesamt acht positiven Veröffentlichungen in unterschiedlichen Printmedien und z. B. der Teilnahme an mehreren Festen und Märkten mit einem eigenen Stand sehr erfolgreich.

Wünschenswert wäre eine höhere Beteiligung der Nachbarschaft. Die Teilnahme an den Quartiersfesten soll hier noch optimiert werden.

Auch die Wahrnehmung des Projektes als Stadtteilprojekt und nicht als Projekt der Einrichtung bereite noch Schwierigkeiten. Hoffnung bereite hier das für Juni 2016 geplante Nachbarschaftssymposium.

 

Bezüglich hemmender oder begünstige Faktoren, die das Projekt beeinflussen, ist die Stadtteilentwicklung zu einem gewissen Maße sicherlich von der Neubebauung des Areals am Ledenhof abhängig. Da sich diese verzögert, werde auch die Gemeinwesenarbeit noch ein wenig gehemmt.

Die Auflösung der Komplexeinrichtung ist schließlich ein äußerst wichtiger Faktor in der Umgestaltung.

Begünstigt werden die vorbereitenden Maßnahmen durch die vom LVR initiierte Anreizfinanzierung. Die finanziellen Mittel, die beispielsweise für die Veranstaltung von Festen, Informationsabenden, aber auch für die Erstellung von Flyern und einer Website vorgesehen sind, unterstützen dieses Projekt.

Hilfreich ist auch, dass es in Bonn Vilich bereits gewachsene Strukturen gibt, an die angeknüpft werden kann.

 

Zur Arbeit in den Sozialräumen:

Die Sozialraumarbeit wurde in den letzten Monaten deutlich vorangetrieben. So haben die Kunden der Einrichtung beispielsweise als Spende des örtlichen Fußballvereins vier Dauerkarten für ihre Begleiter/innen bekommen. So können sie an jedem Heimspiel des Vereins als Stadiongast teilnehmen und so Teil des gesellschaftlichen Lebens in Bonn werden. Dies ist nur ein Beispiel unter vielen, die im Rahmen der Sozialraumarbeit auf den Weg gebracht wurden.

Ein schönes Beispiel für eine zweckdienliche Vernetzung ist nach Einschätzung des Quartiersmanagers sicherlich die Kooperation mit dem Tanzhaus Bonn. Einige der Kunden bekamen dort für einen Tanzkurs einige Freistunden. Sie sind mittlerweile dort fest angemeldet und nehmen regelmäßig am Tanzkurs teil. Bei der Nikolausparty am 05.12. haben dann zwei Tanzlehrer des Tanzhauses einen Tanzflashmob durchgeführt.

 

Quartiersmanagement braucht Beharrlichkeit. Die Illusion, solch ein Projekt innerhalb weniger Monate vorbereiten und durchführen zu können, leitet fehl. Der Aufbau eines zielführenden Netzwerkes, die Überwindung von gedanklichen Barrieren der Nachbarn, die Vorbereitung der Kunden und Mitarbeiter/innen – all dies und vieles mehr erfordert viel Zeit, Engagement und Durchhaltevermögen.

Die Perspektive einer deutlich verbesserten Lebensqualität für ALLE QuartiersbewohnerInnen entlohnt dies jedoch und macht ein solches Projekt sehr attraktiv.

Allgemeine Informationen und Materialien

  • Homepage der Heilpädagogischen Hilfen für Erwachsene mit geistiger Behinderung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR-HPH-NETZE). Online verfügbar unter: http://www.hph-netz-ost.lvr.de
  • Facebook-Auftritt der Heilpädagogischen Hilfen für Erwachsene mit geistiger Behinderung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR-HPH-NETZE). Online verfügbar unter:  http://www.facebook.com/lvrhphnetze
  • You-Tube Channel der Heilpädagogischen Hilfen für Erwachsene mit geistiger Behinderung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR-HPH-NETZE). Online verfügbar unter: http://www.youtube.com/GemeinsamGanzNormal